Neben dem »Unwort
des Jahres 1999« wählte die Jury auf der Grundlage der mehrjährigen
Sammlung von Unwort-Vorschlägen und wortgeschichtlicher
Untersuchungen mit dem Begriff »Menschenmaterial« auch das »Unwort
des 20.Jahrhunderts«. »Menschenmaterial« ist zwar bereits im
19. Jahrhundert aufgekommen und spielt u.a. schon bei Karl Marx
(1867) eine Rolle, hat aber im 20.Jahrhundert seine besonders
zynische Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt als Umschreibung von
Menschen, die als Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg »verbraucht«
wurden. Dieser zeiten- und ideologienübergreifende Begriff steht
exemplarisch für die weitgediehene Tendenz, Menschen nur noch
nach ihrem »Materialwert« einzuschätzen. Er ist gleichsam der
Vater für ebenfalls zynische Begriffe wie »Schüler-, Lehrer-
oder Spielermaterial«, aber auch für Unwörter wie »Patienten-,
Geburten- oder Häftlingsgut«. Das Medizinern immer noch geläufige
Wort vom »Patientengut« wurde 1999 durch einen süddeutschen
Klinikchef noch unterboten, der Todkranke gar als »morbides
Patientenmaterial« umschrieb. Dem Ungeist, der solchen Wortschöpfungen
zugrunde liegt, entsprechen denn auch zahlreiche andere
Materialisierungen des Menschen wie »Biorohstoffe«, »Organgewinnung«,
»weiche Ziele« (im Artilleristenjargon), »Humankapital« und »Bodyleasing«
sowie die Abfallmetaphern »Belegschaftsaltlasten«, »Personalentsorgung«
und »Wohlstandsmüll«.